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Volkskrankheit Spinalkanalstenose

"Wenn ich einkaufen gehe, muss ich oft schon nach etwa 100 Metern stehen bleiben, weil meine Beine nicht mehr wollen. Es ist so ein Schweregefühl, sie werden taub und fangen an zu kribbeln. Wenn ich einen Moment pausiere oder mich hinsetze, geht es meist wieder. Dann laufe ich noch mal so weit und muss schon wieder anhalten." Diese und ähnliche Beschreibungen hört Dr. Sven Nagel, Leitender Oberarzt des Bereichs Wirbelsäule in der Klinik für Unfall-, Wiederherstellungs- und orthopädische Chirurgie am St. Marien-Hospital Mülheim an der Ruhr, häufig, wenn Patienten ihre Krankengeschichte schildern. Oft steckt hinter den beschriebenen Symptomen eine so genannte Spinalkanalstenose. "Die Krankheit betrifft vor allem Personen jenseits der 50", so Dr. Nagel. "Da die Menschen immer älter werden, ist sie in den letzten Jahren zu einer regelrechten Volkskrankheit avanciert."

Enge im Kanal

Das Rückenmark liegt geschützt im Spinalkanal der Wirbelsäule und reicht vom Kopf bis zu den Lendenwirbeln. Es stellt die Verbindung zwischen Gehirn und vielen Organen und Körperteilen her. Zahlreiche Nervenstränge treten außerdem seitlich zwischen den Wirbeln aus. Der Spinalkanal wird nach vorn von den Wirbelkörpern und Bandscheiben begrenzt, die Rückseite bilden die Wirbelbögen und Bänder. Mögliche Engstellen im Kanal - medizinisch Stenose genannt - treten zumeist im Bereich der Lendenwirbelsäule auf. Die korrekte Fachbezeichnung lautet dann: Lumbale Spinalkanalstenose. Zwar gibt es manchmal auch angeborene Engstellen, in den überwiegenden Fällen entwickeln sie sich aber erst im Laufe des Lebens. "Natürliche Abnutzungs- und Alterungsprozesse der Wirbelsäule sind die häufige Ursache", erklärt Dr. Nagel. "Die Bandscheiben verlieren mit zunehmendem Alter an Volumen und Elastizität, die Wirbelzwischenräume schrumpfen. Dadurch kann es zu chronischer Fehlbelastung der Wirbelkörper, der Wirbelgelenke und der Bänder kommen. Manchmal verrutschen dann sogar einzelne Wirbelkörper. Als Reaktion auf den Stabilitätsverlust der Wirbelsäule nimmt die Knochenmasse an den fehlbelasteten Wirbeln zu und auch die Bänder verdicken sich. Dies kann den Spinalkanal erheblich einengen."

Die Beine wollen nicht mehr

Eine Engstelle im Wirbelkanal kann symptomlos bleiben, sie kann aber auch erhebliche Probleme bereiten. Wenn die Nerven nicht mehr genügend Platz haben, werden sie gequetscht und gereizt oder es entstehen Durchblutungsstörungen in der Einengung. Je nachdem, welche Nervenabschnitte beeinträchtigt werden, ist das Beschwerdebild unterschiedlich. Dr. Nagel: "Zumeist beschreiben Betroffene, dass sie nur noch eine kurze Wegstrecke zu Fuß zurücklegen können, weil die Beine dann schmerzen oder taub werden. Die Schmerzen können ein- oder beidseitig auftreten und vom Gesäß und Oberschenkeln abwärts in die Waden oder zum Schienbein ausstrahlen - aber auch der umgekehrte Verlauf ist möglich. Auch Fußheberschwächen - subjektiv als Schweregefühl in den Beinen empfunden - werden ebenso genannt wie häufiges Stolpern und Gangunsicherheit. Einige Betroffene klagen zusätzlich über Kreuzschmerzen. In wenigen Fällen wird das so genannte Reithosenphänomen beschrieben. Typisch dafür ist, dass sich Taubheit und Kribbeln auf den Innenseiten der Oberschenkel - etwa im Bereich eines Reithosenbesatzes - ausdehnen. Dabei treten nicht selten auch Blasen- und Darminkontinenz oder Potenzprobleme auf." Häufig entwickeln sich die Symptome schleichend über Jahre hinweg, bis sie unerträglich werden. Fahrradfahren oder bergige Strecken aufwärts gehen machen den Betroffenen zumeist keine Probleme. Der Grund: "In der Regel beugt man sich dabei leicht vornüber, was zur Folge hat, dass sich der Spinalkanal ein wenig weitet", erläutert Dr. Nagel. "Den gleichen Effekt und somit rasche Erleichterung erfährt der Betroffene auch durch eine etwas gebückte Körperhaltung, beim Hinsetzen und manchmal auch beim Hinlegen. Beim Rückwärtsbeugen hingegen wird der Spinalkanal noch enger. Auch längeres Stehen oder Liegen auf dem Rücken wird von manchen Patienten als unangenehm empfunden. Letzteres hat oft belastende Schlafstörungen zur Folge."

Genaue Diagnosestellung

Da viele andere Erkrankungen ein ähnliches Beschwerdebild wie die lumbale Spinalkanalstenose aufweisen können, ist eine umfangreiche Diagnostik notwendig. Ausgeschlossen werden muss beispielsweise eine arterielle Durchblutungsstörungen der Beine – auch Schaufensterkrankheit genannt. Auch bei dieser Erkrankung verspüren die Betroffenen nach einer kurzen Gehstrecke Schmerzen in den Beinen, die nachlassen, sobald die Menschen stehen bleiben. Im Unterschied zur Spinalkanalstenose lässt sich die Schaufensterkrankheit aber nicht durch eine veränderte Körperhaltung beeinflussen. Oft ist es auch schwierig, die Symptome einer Stenose von denen eines Bandscheibenvorfalls zu unterscheiden. Auch Verschleißerscheinungen im Hüftgelenk, rheumatische Erkrankungen oder raumfordernde Prozesse wie Tumore können Schmerzen beim Gehen verursachen und müssen bei der Diagnosestellung ausgeschlossen werden.

Bei Verdacht auf Spinalkanalstenose wird sich der Arzt zunächst einen Überblick über die Krankengeschichte und die Beschwerden des Patienten verschaffen. Bei der körperlichen Untersuchung überprüft er u.a. Beweglichkeit, Gang, Muskeltonus, Sensibilität, Reflexe und Durchblutung der Beine. Röntgenaufnahmen der Lendenwirbelsäule geben Hinweise auf die anatomischen Verhältnisse und lassen z.B. einen Verschleiß der Wirbelgelenke, Verschmälerung des Zwischenwirbelraumes oder Fehlstellungen erkennen. Genauer in der Diagnose sind Computer- und Magnetresonanztomographie. Während die CT vor allem knöcherne Strukturen sichtbar macht, können mit Hilfe der MRT die Bänder und Bandscheiben genau dargestellt werden. "Bei nicht eindeutigen Befunden kommt zusätzlich die so genannte interventionelle Stufendiagnostik zum Einsatz", so der Wirbelsäulenspezialist. "Hierzu werden die Patienten für ca. eine Woche stationär aufgenommen und erhalten unter Röntgenkontrolle gezielte wirbelsäulennahe Injektionen mit einem Lokalanästhetikum - teilweise auch unter Zusatz eines abschwellenden Cortisonpräparates. Kommt es nach den Injektionen zu einer Besserung der Beschwerden, ist die Diagnose bestätigt. Mit der Stufendiagnostik lässt sich außerdem genau bestimmen, welcher Bereich der Wirbelsäule betroffen ist."

Konservativ oder operativ?

Zeigt die Einengung des Spinalkanals keine Symptome, besteht kein Handlungsbedarf. Treten Beschwerden auf, kann in der Anfangsphase die konservative Therapie erste Linderung bringen. Krankengymnastik und Muskelaufbautraining der Bauch- und Rückenmuskulatur kann hilfreich sein. Ziel ist die Aufrichtung der Lendenwirbelsäule zur Erweiterung des spinalen Durchmessers. In einigen Fällen bringen die Injektionen der Stufendiagnostik mittelfristig - in seltenen Fällen auch langfristig - eine Linderung oder gar eine Beschwerdefreiheit. Dr. Nagel: "Zu einer operativen Therapie raten wir dem Patienten, wenn konservative Maßnahmen zu keiner Besserung der Symptome führen und starke Schmerzen und Gehbeeinträchtigungen die Lebensqualität deutlich einschränken. Eine unbedingte Operationsindikation ist bei Ausfall wichtiger Muskeln oder einer Funktionsstörung von Blase und Darm gegeben." Die Spinalstenose kann auch im hohen Alter risikoarm chirurgisch behandelt werden. Bei über 65-Jährigen ist die operative Behandlung einer Spinalkanalstenose mittlerweile der häufigste operative Eingriff an der Wirbelsäule. Bei der OP werden Teile des Wirbels oder andere einengende Strukturen wie Knochenwülste oder verdickte Bandstrukturen entfernt. So wird der verengte Spinalkanal erweitert und Rückenmark und Nerven werden entlastet. Ggf. kommen zusätzlich stabilisierende Maßnahmen zum Einsatz, die bestimmte Wirbelsäulenabschnitte versteifen. Welche Operationsmethode vorgenommen wird, richtet sich nach den vorliegenden Befunden und Beschwerden des Patienten. "Wir sprechen mit jedem Patienten ausführlich und entscheiden ganz individuell", so der Chirurg aus Mülheim. "Neben den Befunden spielen dabei auch Faktoren wie z.B. starkes Übergewicht, andere Grunderkrankungen oder das Alter des Patienten eine Rolle."

Nach einer gelungenen Operation merkt der Patient schnell die Erleichterung, denn die Gehstrecke wird länger und die Schmerzen nehmen ab. Dennoch warnt Dr. Nagel seine Patienten immer vor zu großen Erwartungen: "Man darf nicht erwarten, dass man sich nach dem Eingriff fühlt, als ob die Wirbelsäule wieder so ist, als wenn nie etwas gewesen wäre. Restbeschwerden können immer bleiben."


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© Elisabeth-Krankenhaus Essen / NED.WORK Agentur & Verlag GmbH / Veröffentlicht am 21.04.2008